SchulCampus Rostock-Evershagen

Gymnasium und Regionale Schule im Verbund

11. Eintrag (Auf dem Vulkan)

Mittwoch, 18. Februar 2009

Für unser nächstes Abenteuer mussten wir uns leider trennen: heute hatte es Erik und Lisa mit Magenproblemen erwischt, so dass sie sich entschlossen, bei Dona Olga zu bleiben und sich nicht den Strapazen einer Vulkanbesteigung auszusetzen.
Neben dem Rest unserer deutschen Gruppe gehörten auch die Lehrer Sergio und Andres, dessen Bruder Miguel sowie Avelino und Eduardo aus dem Abikurs der Partnerschule zu den wagemutigen Vulkanbesteigern.
Pünktlich um 22:00 Uhr wurden wir von Osmans Bruder abgeholt. Er hat nicht nur äußerlich viel Ähnlichkeit, sondern spricht auch noch so wie Osman.
Osman rief gerade aus Guate an und titulierte seinen Bruder gleich als Deutschen.
Gegen 22:15 Uhr erreichten wir mit dem Pick-Up das Reisebüro Quetzaltrekkers>>>, das im Patio der bekannten quetzaltekischen Herberge „Casa Argentina“>>> untergebracht ist. Wir wurden sogleich von Gerry begrüßt. Dieser wusste zunächst gar nichts mit uns anzufangen – wir waren um eine Stunde zu früh, der Aufbruch zum St. María>>> sollte erst gegen 0.00 Uhr erfolgen. Wir entschieden uns dann recht, schnell Roberts und Felipes Vorschlag (eine Stunde chillen) zu folgen.
Einige Minuten später wurde uns eine Blumenkohl-Brokkolisuppe aufgetischt, die den meisten allerdings zu fade war. Deshalb hauten wir uns prisenweise Pfeffer und Salz in die Suppe. Dabei gingen wir allerdings von deutschem Pfeffer aus. Mit dem guatemaltekischen Pfeffer wurde die Suppe dann einigen doch zu scharf, so dass einige unserer Teller halbvoll blieben.
Danach stellte uns Gerry die anderen Guías vor und das Projekt Quetzaltrekkers vor.
Ziel des Reisebüros ist es, wohltätige Projekte zu unterstützen. Nach Abzug der laufenden Kosten gehen die Einnahmen des Reisebüros u. a. an ein Projekt, das sich für der Resozialisierung von Straßenkinder einsetzt. Wir erfuhren, dass alle Guías Freiwillige aus der ganzen Welt sind, die sich für einige Monate als Reiseführer verdingen. So waren neben Gerry, einem Australier, noch der Amerikaner John, die Amerikanerin Allison und der Engländer Humphrey, alle im Studentenalter, unsere Guías.
Nachdem wir unsere Ausrüstung mit Handschuhen, Schlafsäcken, Müllsäcken usw. aus dem Fundus des Reisebüros vervollständigt hatten, was besonders unsere guatemaltekischen Freunde belustigte, und einen schrecklich schmeckenden Kaffee herunterschlürften, ging es dann endlich los.
Die Atmosphäre war geprägt von einer Mischung aus gespannter Vorfreude, Unsicherheit und einem kleinen bisschen Angst.

Nach etwa 20 Minuten waren wir am Ausgangspunkt der Vulkanbesteigung – auch der letzte der beiden Pick-Ups verschwand. Uns war klar: Es gibt kein zurück!!!
Der Aufstieg begann am Ende der Straße. Ein furchtbar steiniger Weg, der an einigen Stellen nur mit kleinen Balanceakten und Kletterkünsten bezwungen werden konnte, begleitete uns für anderthalb Stunden. Nach einer etwas längeren Pause, in der wir von den Guías mit Studentenfutter versorgt wurden, begann der eigentliche Aufstieg. Uns wurde ziemlich mulmig, als Gerry uns erklärte, dass wir erst 150 m der zu bezwingenden 1300 Höhenmeter geschafft hatten.
Wir waren nämlich schon lange fix und fertig und hofften stets, nach der nächsten Kurve endlich auf dem Gipfel zu sein. So stand aber der Vulkan wie ein schwarzer, bedrohlicher Klops vor uns.
Der Gruppenzwang brachte uns aber dazu, Gerry zu folgen. Besonders Robert gelang das ziemlich gut – er war der einzige, der Gerrys Tempo mitgehen konnte. Wir anderen mussten meist schon nach wenigen Metern abreißen lassen und es entwickelten sich kleinere Gruppen, die ihr eigenes Bergsteigtempo gefunden hatten. Leider musste Anne irgendwann aufgeben, da ihr zunehmend ein Schwindelgefühl zu schaffen machte. Sie wurde dann von Allison beim Abstieg begleitet und gemeinsam ging es per Taxi zurück nach Xela.
Wir anderen mussten erfahren, wie viel Steigerungsformen „steil“ hat und neben der Dunkelheit zehrte ein Mix aus dünner werdender Luft, Müdigkeit, fehlender Fitness und der Aussicht auf den noch Stunden dauernden Aufstieg an unseren Kräften. Nach der Hälfte der Strecke konnte auch Robert Gerrys Tempo nicht mehr mitgehen. Dieser lief leicht wie eine Feder vor uns, während wir keuchend und alle paar Meter stehenbleibend, von Krämpfen geplagt, hinterherhechelten.
Zweiter hinter Gerry war nun Steffen, der es durch seine langsame Gangart wirklich schaffte, die Gruppe wieder zu vereinen, so dass der zweite Teil der Vulkanbesteigung wieder in der großen Gruppe zurückgelegt wurde. Dabei unterstützten uns unsere guatemaltekischen Freunde, die stets eine helfende Hand oder den entscheidenen Lichtkegel ihrer Taschenlampen anboten.
Irgendwann war jeder an dem Punkt, den Vulkan zu verfluchen und jeder hat sich mindestens tausendmal gewünscht, mit Lisa und Erik oder auch mit der auf dem Rückweg befindlichen Anne zu tauschen.
Besonders die stetigen Wasserstandsmeldungen der Guías nach dem Motto, wir haben nur noch 2 bis 3 Stunden vor uns und das letzte Stück ist das steilste, waren nicht besonders motivierend.
Aber es half nichts, was blieb anderes übrig, als weiterzugehen – hier fuhren ja nicht mal mehr die von uns so geliebten „Camionetas“ (Chickenbus)>>>. Und in stockfinsterer Nacht und der immer mehr spürbaren Kälte, in Verbindung mit einem unangenehmen Wind, wollte keiner zurückbleiben. Zudem köderte Felipe jeden mit der Aussicht auf ein Gratisstück Schokotorte im Hiperpaíz! Wie oft er Tina und Sophie mit der Hoffnung auf die letzten 4 Kurven, die angeblich nur noch vor uns lagen, ermutigte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.
Kurz vor 6 Uhr erreichten wir dann endlich den 3772 m hohen Gipfel!! Zwar empfing uns dort ein kalter Wind, aber auch der Ausblick auf zwei lavaspeiende Vulkane, die im Dunkel der Nacht natürlich fantastisch aussahen.
Zunächst mummelten wir uns aber in die Schlafsäcke und warteten auf den Sonnenaufgang. Dabei luden uns die Guías zu einem heißen Tee, Kakao bzw. Kaffee ein und der eine oder andere nutzte die Gunst der Stunde zu einem kleinen Nickerchen. Neben uns gab es nur noch eine Mayafamilie auf dem Gipfel, die die Altäre auf dem Gipfel zum minutenlangen Beten nutzte.
Gegen 06:30 Uhr kam die Sonne heraus – die nun ständig wechselnden Eindrücke, die auf uns einwirkten, lassen sich nicht beschreiben.
Das gesamte Hochland Guatemalas lag vor uns. In Richtung Südosten konnte man sehr gut die Vulkane von Antigua>>> und dem Lago Atitlan>>> sehen. In Richtung Nordwesten lagen die majestätischen Tajumulco (höchster Berg Mittelamerikas)>>> und Tacana>>>, an der mexikanischen Grenze gelegen. Auch der Santiaguito>>>, der vor fast 100 Jahren beim letzten großen Ausbruch an der Südseite des Santa María als kleiner Brudervulkan entstand, enttäuschte uns nicht und riesige Rauchwolken stiegen aus seinem Krater hervor. Er ist heute der mit Abstand der aktivste und damit auch gefährlichste Vulkan Guatemalas.
Während in Richtung Nordosten die tausenden Lichter Xelas>>> erloschen und die Konturen der Stadt immer deutlicher wurden, sah man im Westen nur den Schatten des Santa Marías, der sich immer deutlicher in der Nebelbrühe, die über dem Pazifik>>> lag, abzeichnete.
Obwohl wir nun die schöne Aussicht genossen, kam keine Euphorie auf, denn wir hatten ja noch den mindestens drei Stunden dauernden Abstieg vor uns.
Gegen 8 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg. Vorher mussten wir allerdings Robert wecken, der einmal mehr bewies, dass er überall schlafen kann. Der Abstieg war dann zumindest klettertechnisch nicht so schlimm, wie befürchtet, jedoch waren viele nach wie vor am äußersten Limit und unsere Akkus leerten sich immer mehr.
Die immer höher stehende Sonne vereinfachte unseren Abstieg allerdings enorm. Sie wies uns aber nicht nur den Weg, sondern zeigte schonungslos die Umweltsünden.
Fast überall lagen Plastikflaschen, Papier usw. herum. Besonders schlimm war es dann am Ausgangslager, wir kamen uns wie auf einer Müllkippe vor.
Zwar fragen wir uns hier in Guatemala häufiger, warum die hiesige Bevölkerung gerade in Bezug auf Müll kaum Umweltbewusstsein zeigt („Vergessen Sie alles, was Sie über Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit gelernt haben und setzen Sie ihre kritische deutsche Brille ab.’“ – aus einem Faltblatt des Projektes Ija`tz), jedoch muss man hier am Santa María davon ausgehen, das die meisten Bergsteiger europäischer oder nordamerikanischer Herkunft sind und sie demzufolge auch die Hauptverursacher der zahlreichen illegalen Müllkippen sind …
14 Stunden, nachdem wir uns von Dona Olga verabschiedet hatten, betraten wir völlig erschöpft wieder ihr Haus und wurden von den Zurückgebliebenen freudig empfangen.
Der Rest des Tages ist dann schnell erzählt. Mittagessen, Ausruhen und am Spätnachmittag wieder zur Partnerschule.
Obwohl jeder die Besteigung des Santa Marías in anderer Erinnerung haben dürfte, waren wir uns letztlich alle einig: por primera y última vez! (frei übersetzt: einmal und nie wieder!)

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